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Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

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frankd
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von frankd »

Wenn ich ehrlich bin, habe ich für die Bebauung gestimmt. Denn mein größtes Fahrradgelände beginnt vor der Haustür und dafür brauche ich kein Tempelhofer Feld. Ich wohne ganz im Norden Berlins, da bin ich in Tempelhof sehr selten.
Erstaunlich war die Entscheidung schon, denn vor wenigen Jahren 2008 wurde noch knapp in einem Volksentscheid der Weiterbetrieb als Flughafen verhindert, den Sieg damals fuhr die Alternative Freifläche + Wohnbebauung ein.
Hätte man einer Teilbebauung zugestimmt, es wäre noch genügend Freiflächen übrig geblieben, würde dies den Druck auf den Wohnungsmarkt auch hier im Norden senken. So machen sie jetzt verstärkt hier Kleingartenanlagen platt und bebauen die letzten grünen Freiflächen wie schon in den letzten Jahren. Daher ist diese Entscheidung nicht nur für unsere Gegend eher kontraproduktiv. D.h. die Flächen die in Tempelhof jetzt frei bleiben, werden irgendwo anders zugebaut.
Außerdem störte mich auch die Argumentation der Bebauungsgegner. Es wurde ja immer so dargestellt Freifläche contra Bebauung, dabei waren max.25 % der Fläche an den Rändern für Bebauung vorgesehen. Die Kernfläche mit 230 ha also 2.300.000 qm wäre ja Freifläche geblieben und dies wäre noch größer als der Große Tiergarten oder der Volkspark Jungfernheide gewesen.
Im Vergleich dazu hat unser geliebter Bürgerpark Pankow nur 12 ha.
berlinonaut
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von berlinonaut »

frankd hat geschrieben: Erstaunlich war die Entscheidung schon, denn vor wenigen Jahren 2008 wurde noch knapp in einem Volksentscheid der Weiterbetrieb als Flughafen verhindert, den Sieg damals fuhr die Alternative Freifläche + Wohnbebauung ein.
Wenn ich mich richtig erinnere scheiterte der Volksentscheid damals im Wesentlichen an einer zu geringen Wahlbeteiligung. Was zum einen daran lag, dass der Termin isoliert war ohne Kopplung an eine weitere Wahl und es ein sehr heisser Tag war, an dem viele Leute keine Lust auf Wahlkabine hatten sondern lieber im Grünen waren. Zum zweiten - und das war ein wesentlicher Faktor - hatte Sonnenkönig Wowereit angekündigt dass er den Flughafen eh schliessen würde, egal was bei dem Volksentscheid rauskommen würde. Damals (2008) ging man davon aus, dass der BER spätestens 2012 eröffnet würde mit anschliessender Zwangsschliessung von Tempelhof, es also eh nur um ein paar Jahre ginge und nicht um eine Grundsatzentscheidung. Wowereit hatte gesagt, dass Tempelhof als Flughafen pro Jahr 16 Mio. Euro Verlust einfahren würde, was schrecklich sei. Aktuell kostet der Nichtflughafen BER 35 Mio Euro im Monat und der Nichmehrflughafen Tempelhof 20 Mio im Jahr, wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe. Nicht gesagt hatte Wowi, dass der operative Verlust seine Ursache darin hatte, dass sich niemand darum kümmerte den Flughafen und die Flächen vernünftig zu Bewirtschaften. Aufgrund der relativ wenigen Starts und Landungen in Tempelhof waren auch nur überschaubar wenige Leute selbst betroffen von der Schliessung. Das Argument, dass ein kleiner, zentraler Cityflughafen ein erheblicher Wirtschaftsfaktor und Standortvorteil gegenüber anderen Städten ist aufgrund kurzer Wege für Businesskunden, wurde kaum verwendet (und stösst beim Durchschnittsberliner eh auf taube Ohren), die historische Bedeutung des ältesten Verkehrsflughafens der Welt zählte schon eher - aber hey, es geht ja nur um maximal vier Jahre und 16 Mio im Jahr haben oder nicht haben...
Rein sachlich betrachtet war Wowereits Strategie der Ausdruck einer unglaublichen Arroganz dem Wahlvolk gegenüber und - aus Projektsicht - eine unglaubliche Dummheit: Durch die Schliessung zum damaligen Zeitpunkt sich unwiderruflich Optionen zu nehmen ist das gegenteil von Risikominimierung.
So sehr ich das Feld mag bedauere ich doch die Schliessung. Ich bin immer gerne von und nach Tempelhof geflogen. Die kurzen Wege und die kurze Anreise im Vergleich zu Tegel oder Schönefeld waren eine erhebliche Zeitersparnis und jeder Abflug hatte eine kleine Geschichtsstunde includiert. Vorbei ist vorbei.
frankd hat geschrieben: Hätte man einer Teilbebauung zugestimmt, es wäre noch genügend Freiflächen übrig geblieben, würde dies den Druck auf den Wohnungsmarkt auch hier im Norden senken. So machen sie jetzt verstärkt hier Kleingartenanlagen platt und bebauen die letzten grünen Freiflächen wie schon in den letzten Jahren. Daher ist diese Entscheidung nicht nur für unsere Gegend eher kontraproduktiv. D.h. die Flächen die in Tempelhof jetzt frei bleiben, werden irgendwo anders zugebaut.
Deine Entscheidung war also im Wesentlichen: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!"

frankd hat geschrieben: Außerdem störte mich auch die Argumentation der Bebauungsgegner. Es wurde ja immer so dargestellt Freifläche contra Bebauung, dabei waren max.25 % der Fläche an den Rändern für Bebauung vorgesehen. Die Kernfläche mit 230 ha also 2.300.000 qm wäre ja Freifläche geblieben und dies wäre noch größer als der Große Tiergarten oder der Volkspark Jungfernheide gewesen.
Im Vergleich dazu hat unser geliebter Bürgerpark Pankow nur 12 ha.
Der Entscheid war denke ich nur zum Teil gegen die Bebauung. Es war im Wesentlichen eine Entscheidung gegen Wowereit und den Senat. Der einfachste Weg, die völlig überkandidelte Wowereit-Gedenkbibliothek (mit garantierter Kostenexplosion) zu verhindern. Das Vertrauen in den Senat, dass da wirklich bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird war nachvollziehbarer Weise gleich Null. Das Vertrauen darein, dass es bei 25% Bebauung bleibt auch. Wenn man den windelweichen Gesetzentwurf anschaut verwundert das auch nicht. Erst Tempelhof übereilt schliessen, dann jahrelang kein Nachnutzungskonzept entwickeln, um dann irgendwas zu behaupten, von dem der erfahrene Berliner weiss, dass das in jedem Fall nicht so eintreten wird...

Wenn man sich nur die aktuellen Bauprojekte (Staatsoper, U5, S-Bahn, Stadtschloss, A100 etc.) anschaut (ganz zu schweigen vom BER) und die 100%-Trefferquote mit der sich der Senat am Nasenring durch die Arena ziehen lässt von irgendwelchen Finanzinvestoren (Tränenpalast, Mauerpark, Eastside Galerie, Verkauf landeseigener Wohnungen und Grundstücke etc.) und dabei Landeseigentum verschleudert und Geld wagonweise verbrennt während gleichzeitig die Infrastruktur bröckelt, die Schulen eine Katastrophe sind und die Polizei kaputtgespart wird, dafür aber die Senatsmitglieder einen Schwung mehr Geld bekommen und ein Wahlkreisbüro gleich dazu - dann wird schnell offensichtlich, dass das weniger eine Entscheidung für oder gegen eine Bebauung war sondern schlicht ein Misstrauensvotum gegen die Regierung. Die Notbremse um weiteres Unheil durch diese arroganten, von jedem Verantwortungsgefühl freien Dilettanten zu verhindern, nicht mehr und nicht weniger.
frankd
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von frankd »

Normalerweise ist jede einzelne Entscheidung von subjektiven auch egoistischen Motiven getragen, dies gilt für Befürworter und Gegner gleichermaßen, denn wenn ich auf dem Feld Wohnungen verhindere, werden irgendjemand anders die Wohnungen vor die Nase gesetzt bzw. müssen irgendwelche Kleingärtner ihre liebgewonnene Scholle aufgeben.
Wer will schon, dass in seinem Kiez ob Pankow oder Tempelhof Grünflächen für neue Wohnungen weichen müssen und natürlich ist einem das Hemd näher als die Hose.
Und in Tempelhof hätte es in meinen Augen nicht so gestört, weil es kaum betroffene Nachbarn gibt und es trotzdem der größten Park von Berlin geworden wäre.
Leider kam dieser Entscheid mal wieder viel zu spät, denn eine Bekannte von mir sitzt als Stadtplanerin schon mindestens 3 Jahre an der Bebauung, d.h. da werden noch einige Millionen aus dem Staatssäckel zusammenkommen, die für Planungsleistungen auch für die neue Bibliothek ausgegeben wurden bzw. derzeit gebunden sind.
Erstaunlich ist bei Wowereit, dass der sich überhaupt noch so lange hält und es nicht viel schärferen Gegenwind gibt.
berlinonaut
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von berlinonaut »

frankd hat geschrieben:Normalerweise ist jede einzelne Entscheidung von subjektiven auch egoistischen Motiven getragen, dies gilt für Befürworter und Gegner gleichermaßen, denn wenn ich auf dem Feld Wohnungen verhindere, werden irgendjemand anders die Wohnungen vor die Nase gesetzt bzw. müssen irgendwelche Kleingärtner ihre liebgewonnene Scholle aufgeben.
Wer will schon, dass in seinem Kiez ob Pankow oder Tempelhof Grünflächen für neue Wohnungen weichen müssen und natürlich ist einem das Hemd näher als die Hose.
Fairerweise muss man zugeben, dass der Weg von der City nach draussen ins Umland erheblich weiter ist als von Pankow. Und dass die Schrebergärten ihre Berechtigung als grüne Oase und Selbstversorgungsquelle einer eingekerkerten Inselstadt in den letzten 25 Jahren dann doch eingebüsst haben und einerseits die Pachtverträge für Schrebergärten eben Pachtverträge sind und kein Eigentum, andererseits sie - im Vergleich zum Tempelhofer Feld - einer verschwindend kleinen Minderheit zu gute kommen. Dennoch ist der Versuch zwei Interessensgruppen gegeneinander auszuspielen nicht umsonst schief gegangen: Es sollte auch ohne Genozid unter den Kleingärtnern klappen Wohnraum zu schaffen.
frankd hat geschrieben: Und in Tempelhof hätte es in meinen Augen nicht so gestört, weil es kaum betroffene Nachbarn gibt und es trotzdem der größten Park von Berlin geworden wäre.
Das halte ich für kein tragfähiges Argument. Es gibt innerstädtisch keine auch nur ansatzweise vergleichbar grosse Freifläche und es wird auch keine solche mehr geben. Das heisst, man sollte sich verantwortungsbewusst überlegen, was man damit machen kann - das ist ein kostbares Gut. Man kann natürlich Wohnungen drauf bauen, die erste Wahl sollte das nicht sein. Allein schon, weil danach die Nutzungsmöglichkeiten für das Gelände eingeschränkt sind und zwar nicht nur Platzmässig. Dann gibt es nämlich auf einmal Nachbarn... Die geplante Menge an Wohnungen ist ein schlechter Witz im Vergleich mit der Menge, die das Land Berlin in den letzten Jahren verkauft hat (und dadurch die Mietpreissteigerungen der letzen Jahre mitverursacht, die jetzt mit Krokodilstränen angeprangert werden scheinheiligerweis). Die angepeilten Miet-/Kaufpreise sind nicht mal ansatzweise haltbar - das erkennt jeder, der die erwarteten Erlöse aus dem Flächenverkauf via Dreisatz zusammenbringt mit Baukosten und angepeilter Wohnflächenmenge. Die Menge an verfügbaren Flächen in der Stadt, die für Wohnbebauung geeignet sind und weder zum Tempelhofer Feld noch zu einer Kleingartenanlage gehört ist immens (wenngleich nicht so offensichtlich, da kleinteilig verteilt) - es gibt schlicht keine Notwendigkeit auf dem Tempelhofer Feld zu bauen. Auch wenn diese Flächen nicht alle dem Land gehören: In anderen Städten und Ländern wird in einem solchen Fall ein sogenanntes Baugebot erlassen - dann erledigt sich das Problem in der Regel ganz schnell.
frankd hat geschrieben: Leider kam dieser Entscheid mal wieder viel zu spät, denn eine Bekannte von mir sitzt als Stadtplanerin schon mindestens 3 Jahre an der Bebauung, d.h. da werden noch einige Millionen aus dem Staatssäckel zusammenkommen, die für Planungsleistungen auch für die neue Bibliothek ausgegeben wurden bzw. derzeit gebunden sind.
Das ist genau die Verantwortungslosigkeit von der ich oben sprach. Es wäre in höchstem Masse wünschenswert, wenn die Verantwortlichen daran eine finanzielle Eigenbeteiligung tragen müssten. Als selbständiger Unternehmer und Steuerzahler geht mir da echt das Messer in der Hose auf.
frankd hat geschrieben: Erstaunlich ist bei Wowereit, dass der sich überhaupt noch so lange hält und es nicht viel schärferen Gegenwind gibt.
Es ist die Angst vor dem was nachkommt. Der Mann hat abgewirtschaftet, soviel ist klar. Und hat er auch bisher jede Krise kohlärschig durchgesessen und rosenverteilend weggelächelt - so langsam zieht die Nummer vom regierenden Partymeister nicht mehr. Selbst Leute aus seinem näheren Umfeld bezeichnen ihn als beratungs- und erkenntnisresistent und würden ihn lieber heute als morgen loswerden. Nur wer dann? Die SPD hat niemanden auf Tasche und den Henkelmann will schon gleich gar keiner als Bürgermeister - die Bräsigkeit der CDU-Regierung ist allen noch in schönster Erinnerung und deren finanziellen Kapriolen samt ihrer Folgen spüren wir jeden Tag, von der Verschuldung bis hin zum Lieblingsthema BER. Und wer jemals die amtierende CDU-Wirtschaftssenatorin reden hörte hat eine ganz neue Vorstellung vom Begriff "fremdschämen". Dafür wird dann bei der parteiinternen Wahl der weiblichen SPD-Hoffnung deutlich ungereimtes entdeckt und damit sind wir wieder am Anfang: Avanti Dilettanti, egal welcher Couleur.
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von frankd »

Na gut, Wowereit ist nun nicht gerade der ideale Projektcontroller, aber bundesweit gibt es noch genügend andere Großvorhaben, die ähnlich ablaufen wie der BER, ob nun Stuttgart 21, die Hamburger Elbphilharmonie oder der bereits fertige Citytunnel in Leipzig, irgend wie ist und war dort überall der Wurm drin.
Immer dabei sind längere Bauzeiten und extrem höhere Kosten, die Frage bleibt, zufällige Ausnahmen oder Fehler im System. Ich neige zum Zweiten und zum bösen Wort der Korruption. Schon bei der Vergabe wird gemauschelt, man macht ein viel zu kleines Angebot, um erst mal ins Boot zu kommen. Alles weitere klärt man später im Einvernehmen, der Vertrag ist butterweich, man kennt sich ja, es sind die üblichen Verdächtigen.
Alle machen mit, denn solch einen geldscheißenden Esel sollte man nicht zu schnell schlachten.
Natürlich könnte man hart durchgreifen, aber wer soll es machen, wenn am System alle beteiligt sind.
Und so werden die Gelder in Großprojekten verbraten, für den Ausbau der Radinfrastruktur bleibt dann nicht mehr viel übrig.
Wenn dann endlich der letzte Flughafen im Stadtgebiet in Tegel zumacht, mich würde es freuen, denn ich wohne direkt an der Einflugschneise, dann haben wir den nächsten Volksentscheid, was denn mit dieser neuen Brache passieren soll. Ich hoffe nicht, dass es vorher noch eine Initiative gibt, die Tegel als Flughafen erhalten wollen.
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von berlinonaut »

frankd hat geschrieben:Na gut, Wowereit ist nun nicht gerade der ideale Projektcontroller, aber bundesweit gibt es noch genügend andere Großvorhaben, die ähnlich ablaufen wie der BER, ob nun Stuttgart 21, die Hamburger Elbphilharmonie oder der bereits fertige Citytunnel in Leipzig, irgend wie ist und war dort überall der Wurm drin.
Immer dabei sind längere Bauzeiten und extrem höhere Kosten, die Frage bleibt, zufällige Ausnahmen oder Fehler im System. Ich neige zum Zweiten
Da gebe ich Dir recht und zwar gleich aus einer ganzen Reihe an Gründen. Projekte werden mutwillig viel zu billig gerechnet (und zwar vom Auftraggeber, sprich durch die oder im Auftrag der Politik), um sie politisch durchsetzen zu können. Denn wenn das Projekt erst mal läuft wird es in den seltensten Fällen abgebrochen, egal wie die Mehrkosten sind. Wäre ja politisch peinlich. Die Selbstvertändlichheit mit der z.B. bei der Wowi-Gedenkbibliothek die Budgetüberschreitung nahezu aller Teilnehmer bereits im Architekturwettbewerb als völlig normal hingenommen wurde zeugte schon von Chuzpe - 350 Mio statt 270 Mio - who cares, ist ja nicht mein Geld...
Das System der Ausschreibung, das eigentlich für Transparenz und günstige Preise sorgen soll, erreicht das Gegenteil: Die Verwaltungen sind verpflichtet, den günstigsten Anbieter zu nehmen. Die formalen Kriterien der Aussschreibung können dabei gar nicht vollständig die Anforderungen an den Auftragnehmer abbilden und den Nasenfaktor schon gar nicht. Die Welt der vollständigen Lasten- und Pflichtenhefte ist in der freien Wirtschaft aus gutem Grund längst am Aussterben, in der Verwaltung ist sie auf der Blüte ihres Daseins. Der Aufwand für Auftragnehmer, bei einer Ausschreibung mitzumachen ist immens hoch - das ist eine streng formalisierte hochkomplexe Welt mit seltsamen und teilweise völlig absurden Spielregeln. Das muss man machen ohne zu wissen ob man überhaupt eine Chance auf den Auftrag hat. Die Kosten dafür müssen eingepreist werden in die Ausschreibung, die dann mal gewonnen wird. Gleichzeitig sind im Normalfall die gezahlten Entgelte im Vergleich zur freien Wirtschaft eher niedrig, die Zahlungsfristen ausgesprochen länglich, der bürokratische Aufwand riesig und Pragmatismus ein Fremdwort. Der Spassfaktor ist also in der Regel überschaubar. Da die öffentliche Hand ihren Angestellten und Beamten auch keine riesigen Gehälter zahlt ist dort - bei allem Engagement, das es durchaus auch gibt - typischerweise nicht die allererste Garde tätig (und gelegentlich auch die allerhinterste). Langjährige Frustration stumpft auch die tollsten Typen ab. Permanente Angst vor dem Verletzen irgendwelcher hochkomplexer Vorschriften und absolut hierarchisches Abteilungsdenken kombiniert mit politischer Einflussnahme sorgen dafür, dass solche Projekte in aller Regel alles andere als effizient ablaufen. Und weil nur in den wenigsten Verwaltungen eine Projektkultur vorhanden ist und in der politischen Führungsebene keinerlei Gespür und Verständnis dafür, wie ein Projekt grundsätzlich funktioniert werden unangenehme Nachrichten so lange unter den Teppich gekehrt bis sie sich nicht mehr verschweigen lassen. Die Politik mischt sich frei von jeder Sach- oder Methodenkenntnis zu beliebigen Zeitpunkten ein wie ein Dreijähriger beim Zubereiten des Sonntagsbratens. Bloss dass der Dreijährige die Aufträge erteilt, die Prügel und die Rechnungen bezahlt er auch, wenn auch nicht vom eigenen Geld. Das macht ihn ziemlich hemmungslos, den Dreijährigen. Sorgt dafür dass korrekt ausgeführter Formalismus ("cover your ass") wichtiger ist als Projekterfolg und zwar bis hinauf in die Führungsebene. Dann solange man nachweisen kann, dass man sich formal korrekt verhalten hat ist das verzögerte oder fehlgeschlagene Projekt ein unvermeidlicher Schlag des Schicksals und kein Missmanagement. Aber wehe irgendwer hat mal gegen eine Formalie verstossen (und sei es aus gutem Grund) - der wird dann ganz schnell zum Alleinschuldigen für alles und jedes. Deswegen macht das auch keiner. Das nennt man dann "Dienst nach Vorschrift" und wer solche ein System mal aus der Nähe gesehen hat kann es keinem Beteiligten übel nehmen sich so zu verhalten. Alle fügen sich in das System, auch wenn es spätestens im vertraulichen Gespräch kaum einer sinnvoll findet. Die Beseitigung der lang verschwiegenen Probleme dauert daher unnötig lange und ist unnötig teuer - viel zu viele Köche am Topf, von denen aber keiner für die Mahlzeit verantwortlich sein will (solange sie nicht erfolgreich zu ende gekocht ist und gute Kritiken bekommen hat vom Gast). Ist also nicht besonders sexy sowas für einen Auftragnehmer, der einen guten Job machen will und ziemlich frustrierend, vor allem wenn man aus der freien Wirtschaft weiss, wie es auch laufen kann (und auch da ist bekanntlich nicht alles eitel Sonnenschein).
Die initialen Angebote betreffen ja das "schöngerechnete" Projekt - es ist also allen Beteiligten gleichermassen von Anfang an klar, dass da wahrscheinlich noch was nachkommen wird. Und ein realistisches Angebot fliegt im Bieterverfahren sofort raus, weil zu teuer (oder wird erst gar nicht in diesem Umfang ausgeschrieben). Alles zusammen sorgt dafür, dass öffentliche Projekte nicht nur teuer sind und lange dauern sondern dass sie schweineteuer sind und ewig dauern und immer noch eine Steigerung möglich ist. Das ist politisch so gewollt. Ironischerweise werden u.a. durch die anfängliche Schönrechung Projekte in der Summe sehr viel teurer, als wenn gleich realistisch kalkuliert worden wäre. Der Hauptfaktor ist jedoch die Kulturfrage: Solange es wichtiger ist Formalismen zu erfüllen als Ergebnisse zu liefern wird sich nichts ändern. Also ja: Der Fehler liegt im System - und es sind in den seltensten Fällen die Auftragnehmer, die die initiale Kostenschraube verursachen.
frankd hat geschrieben: und zum bösen Wort der Korruption. Schon bei der Vergabe wird gemauschelt, man macht ein viel zu kleines Angebot, um erst mal ins Boot zu kommen. Alles weitere klärt man später im Einvernehmen, der Vertrag ist butterweich, man kennt sich ja, es sind die üblichen Verdächtigen.
Alle machen mit, denn solch einen geldscheißenden Esel sollte man nicht zu schnell schlachten.
Natürlich könnte man hart durchgreifen, aber wer soll es machen, wenn am System alle beteiligt sind.
Von der Auftragnehmerseite kann ich sagen, dass es anders erheblich schöner, einfacher und effektiver wäre und ich kenne genug von der Gegenseite, die das genauso sehen. Ich beneide niemanden, der von öffentlichen Projekten leben muss - wir machen solche Aufträge nur im absoluten Ausnahmefall und zeitlich wie inhaltlich hart begrenzt. Korruption habe ich dabei nie mitbekommen, informelle Absprachen um wenigstens eine Chance zu haben das Projektziel zu erreichen gelegentlich. Aber wie zuvor gesagt: Meine Erfahrungen in dem Bereich sind gerade umfänglich genug, dass ich weiss, dass ich da nicht tiefer einsteigen möchte. :shock: Bei wirklich grossen Projekten, wo es um grosse Volumina geht, kann ich mir durchaus vorstellen dass der Übergang zwischen vernünftigen Absprachen und Korruption schnell fliessend wird und auch, dass da die Grenze zur Korruption überschritten wird - die Anreize dafür sind für alle Beteiligten hoch, die Risiken offenbar überschaubar, was man so liest. So integer das System in der Theorie ist so mangelhaft ist es in der Praxis.
frankd hat geschrieben: Und so werden die Gelder in Großprojekten verbraten,
Im Falle von Berlin gibt sogar ein Buch darüber: "Ach Du dickes B." heisst es (und ist mittelspannend).
Zuletzt geändert von berlinonaut am So Jun 01, 2014 7:01 am, insgesamt 4-mal geändert.
Adler28
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von Adler28 »

frankd hat geschrieben:dann haben wir den nächsten Volksentscheid, was denn mit dieser neuen Brache passieren soll.
Wie wäre es mit einem endlich ausreichend großen Busbahnhof? Dann hätte man ein Grundstück für Wohnungen in Charlottenburg frei.
Die uralten Pläne für die Verlängerung der U5 bis zum (dann) Ex-Flughafen (die fertigen Bahnsteige sind ja in Jungfernheide zu besichtigen) könnte man bei der Gelegenheit dann auch wieder ausgraben.
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von berlinonaut »

Ein zweiter Busbahnhof ist doch längst geplant. Am Ostbahnhof. Damit sich die A100-Verlängerung auch lohnt...
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von Adler28 »

berlinonaut hat geschrieben:Ein zweiter Busbahnhof ist doch längst geplant. Am Ostbahnhof. Damit sich die A100-Verlängerung auch lohnt...
Ja, ich weiß. Alternativlos, und so. Aber was soll den ein zweiter? Zwei Stationen sind doch viel zu umständlich.
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Re: Tempelhof: Größtes Fahrradgelände der Welt !

Beitrag von Jonny »

Ich glaube, einige sollen sich mal an die Historie des Flughafens erinnern, der Berlin das Überleben ermöglicht hat. Er wurde geschlossen, weil eine Einzelperson schon die planerische Neuordung und Nutzung versprochen hatte. BER und die Schließung der anderen Plätze als Grund. Ohne Volksbeteiligung! Keiner ist es gewesen. Wenn ich auf dem Ring vorbeifahre, eine öde Fläche.Berlin hat schönere Flecken und Schöneres verdient.
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