berlinonaut hat geschrieben:
Die Norm macht für die Bremsleistung der Räder klare Vorgaben. Doch nur drei der neun Produkte halten alle ein. Beim Rest hätten es die Bremsen im Ernstfall nicht geschafft, das voll beladene Rad rechtzeitig zu stoppen. Besonders ausgerutscht ist der englische Hersteller Brompton. Bei der Nassprüfung des Vorderreifens hätte die Bremse des Brompton M6RD Black das zulässige Gesamtgewicht von 110 Kilogramm aufhalten müssen. Sie schaffte gerade mal 62 Kilogramm. Auch das Hinterrad bestand die Nassprüfung nicht. Zudem verändern sich die Bremsbedingungen von Trockenheit zu Nässe erheblich.
(Zitat vom Ökotest)
Wäre natürlich schön und hilfreich, wenn diese
"klaren Vorgaben" genannt würden...
Was man vielleicht noch dazu sagen sollte, ohne die Norm und ihre Testvorschriften zu kennen:
- das zulässige Gewicht für den
Fahrer liegt bei Brompton bei 110 kg
- zusätzlich sind vorne und hinten noch je 10 kg Gepäck zulässig und das Rad wiegt in der getesteten Ausstattung auch noch mal ca. 13 kg
Das maximal zulässige Systemgewicht/Gesamtgewicht liegt also nicht bei 110 kg sondern bei gut 140 kg. Was die Bremswirkung bei Maximallast erst mal nicht besser macht sondern schlechter, aber erneut zeigt, dass die Ökotester ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.
Um aus der Aussage
"hätte 110kg halten müssen, hat aber nur 62kg gehalten" irgendwas Sinnvolles ableiten zu können braucht es die Rahmenparameter:
- aus welcher Geschwindigkeit mit welcher Beladung (bzw. gegen welche Kraft)
- mit welcher am Hebel eingebrachten Kraft (und was entspricht die menschlicherweis?)
- auf welchem Untergrund (bzw. mit welcher Haftreibung, da spielen dann auch die Reifen mit rein)
Ohne diese Informationen hat die Aussage genau keinerlei Wert. Und wenn man es genau wissen will spielen neben Profil, Art und Zustand der Reifen Auch die Temperaturen von Boden, Reifengummi und Felgen eine Rolle.
Was bei
"hätten es die Bremsen im Ernstfall nicht geschafft, das voll beladene Rad rechtzeitig zu stoppen" "rechtzeitig" und "Ernstfall" bedeuten sollen bleibt ebenfalls vollkommen im Dunkeln. Selbst mit geringer Bremskraft kriegt man die Fuhre verzögert bis zum Stillstand - alles eine Frage des Bremswegs. Der scheint hier dann wohl vorgegeben zu sein - bloss wie sieht die Vorgabe konkret aus?
Was hilft mir die Erfüllung einer Norm, wenn sie so lasch ist, dass ich trotzdem am Laster zerschelle bzw. was schadet das Nichterfüllen, wenn sie Fahrsituationen annimmt, in die ich nie komme? Nix.
Der geneigte Leser erinnere sich kurz an den neulich drohenden Entzug der Prüferlaubnis für die AU für den historischen Dampfkesselprüfverein (kurz TÜV) wegen Inkompetenz, die Aussagekraft und Praxisrelevanz gewisser Abgastests (Europäische Normen genau wie diese hier!) bei der PKW-Zulassung und - weniger bekannt - der relativ jungen EU-Vorschrift bei der Weinkelterei fürderhin Edelstahltanks zu verwenden anstatt Eichenfässer (mit dramatischer Auswirkung auf den Geschmack bei bestimmten Sorten und Vorteilen für überregionale und industrielle Produzenten als Folge). Nur weil es irgendeine Norm gibt heisst das nicht, dass die sinnvoll oder praxisrelevant ist. Kann sein, muss aber nicht. Und genau deswegen hätte ich bei einem seriösen Test gerne eine Erläuterung dazu und bei einem Kompetenten eine Einordnung. Fehlt im vorliegenden Fall Beides...
Bremsen ist eine höchst komplexe Angelegenheit - die Emils unter uns erfreuen sich zweifellos an diesem pdf:
http://www.physik.uni-wuerzburg.de/file ... arsten.pdf
Für alle anderen mag die alte, aber im Detail wahrscheinlich falsche Daumenregel genügen, dass die Vorderradbremse typischerweise zwischen 66% und 100% der Bremsarbeit erledigt, wenn man sich nur traut, fest genug am Hebel zu ziehen. Dass das die meisten Leute sich nicht mal näherungsweise trauen [1] weiss jeder, der schon mal ein Motorradfahrsicherheitstraining mitgemacht hat. Insofern ist die maximal mögliche Bremsleistung für 99% der Bevölkerung eh völlig irrelevant ausser zum Posen am Stammtisch, ähnlich der Wattiefe oder dem maximalen Böschungswinkel eines SUV.
Dass Felgenbremsen bei Nässe deutlich schlechter sind als im Trockenen ist wiederum auch nicht wirklich eine Überraschung für jemanden, der in den letzten 100 Jahren irgendwann schon mal Rad gefahren ist. Dass also das Hinterrad die Nassprüfung nicht besteht (worin auch immer die besteht) mag sein, ist aber angesichts der Physik recht egal.
[1] und zwar aus Angst vor
https://www.uni-muenster.de/imperia/md/ ... dsturz.pdf